Nicht nur der „Fleischfresser“ zieht den Betrachter in seinen Bann
Bettina Rothenheber und Lars Gölz widmen sich in ihrem künstlerischen Schaffen dem Verborgenen der menschlichen Seele /
Beeindruckende „Lost Tales“-Ausstellung im Landratsamt eröffnet
Kreis Bergstraße. Der skelettierte Wassermann“ entsteigt mit weit ausgebreiteten Armen den Fluten – eine Eule fliegt mit kraftvollen
Schwingen mit einer in einem engen Käfig kauernden, nackten Frau davon – ein Mönch sitzt bei Kerzenschein lesend am Tisch eines
Klosters, mit einer (verstorbenen) Schönheit, die kühle Brust zeigend, an seiner Seite: Drei Szenen der beeindruckenden
„Lost Tales“-Ausstellung, die am Donnerstagabend im Landratsamt in Heppenheim eröffnet wurde. Das Unrealistische scheint
Realität zu werden, mag sich der Betrachter denken: Das ist das Charakteristische an den Fotomontagen und Bildern der beiden
Künstler Bettina Rothenheber und Lars Gölz, die ihre Arbeiten erstmals gemeinsam der Öffentlichkeit zugänglich machen.
Die anspruchsvollen, großformatigen Fotomontagen und Bilder zeugen von großem handwerklichen Können und einer
bemerkenswerten Akkuratesse. Der enormen Ausdruckskraft, die allen Arbeiten gemein ist, kann sich niemand entziehen.
Wie selbstverständlich ziehen die Werke ihr Gegenüber in ihren Bann. Dass bei dem ein oder anderen Gemälde – etwa dem
„Vampir- kuss“ von Lars Gölz (Acryl auf Leinwand, 2009 entstanden) – das Blut rinnt und den Betrachtern erschaudern lässt, macht
das gemeinsame Kunstprojekt umso anregender. Ohne Gänsehaut hat wohl keiner der geladenen Gäste die Vernissage verlassen.
Das „Kopfkino“ von Bettina Rothenheber zeigt aber auch, dass nicht nur die dunkle Seite des menschlichen Lebens und
Tristesse beherrschendes Thema der Ausstellung ist.
Von Sehnsüchten und Ängsten
Den Begriff „Lost Tales“ hat das Künstlerpaar Rothenheber/Gölz,
das privat miteinander liiert ist und in Lorsch lebt, mit Bedacht
gewählt: Verschollene Erzählungen sind damit gemeint.
Geschichten wollen die beiden mit ihren Bildern erzählen, zumeist aus
der Welt der Mythen und Sagen. „Es gibt Dinge, die im Verborgenen
der menschlichen Seele liegen“, sagte Lars Gölz bei der Vorstellung
der Exponate, die allesamt in jüngster Zeit entstanden sind.
Dabei geht es um „Sehnsüchte, Leidenschaft, Marodes, Ängste
und Alpträume“, erläuterte der 34-Jährige bei der sehr gut besuchten
Vernissage. Von der Idee bis
zum fertigen Weg ist’s ein langer Weg, müssen „Gegenstände und
Körper in Szene gesetzt, mit dem Licht gespielt werden“, gab Gölz
einen Einblick in die künstlerische Schaffenskraft.Inspiriert werden die
beiden Künstler von der so genannten Schwarzromantik („Dark Art“),
„die derzeit eine Renaissance erlebt“, verriet Gölz. Im ausgehenden
18., Anfang des 19. Jahrhunderts sind die englischen Schauer-romane
entstanden. Vier (Graphit-)Zeichnungen von Dichtern, die dieser
Strömung angehörten, sind in der Ausstellung zu sehen, darunter
die Schriftsteller Mary Shelley und Bram Stoker, die mit ihren Romanen
„Frankenstein“ bzw. „Dracula“ weltbekannt wurden. Ins
kollektive Gedächtnis gelangten die berühmten Vampire vor allem auch
durch unzählige Verfilmungen des Stoffes. „Wenn wir mit unserer
Kunst zum Nachdenken anregen, haben wir unser Ziel erreicht“,
verdeutlichte Lars Gölz die Intention ihres Kreativseins.
Einen Fingerzeig, was die künstlerischen Arbeiten ausdrücken
möchten, geben die mit viel Feingefühl ausgewählten und
erklärenden Zitate und Aphorismen kluger Köpfe – beispielsweise
von Heine, Shakespeare und dem englischen Dichter Lord Byron,
die zugleich „die Verbindung zur Neuzeit schlagen“
Wilkes: Nicht einfach zu verdauen
Aufrütteln und für Gesprächsstoff zu sorgen, das dürften die beiden Künstler auf Anhieb geschafft haben. Der Bergsträßer
Landrat Matthias Wilkes, der als Hausherr die nach seinen Worten „ungewöhnliche Ausstellung“ eröffnete, betonte ebenfalls, dass
es „der Anspruch der beiden Künstler ist, „Gedanken und Fragen hervorzurufen“. Die gezeigten Bilder seien „nicht einfach
zu verdauen“, hob Wilkes hervor, dass es in den Bildern und den Fotomontagen „viel um Psychologie geht“. Was nicht wundert,
„ist der Mensch doch ein Lebewesen mit Seele“. Nach der Einschätzung des Landrats „wird dies durch diese Art von Kunst in
hervorragender Weise zum Ausdruck gebracht“. Während die zentralen Themen sich gleichen, bauen die unterschiedlichen
Techniken – Fotomontagen von Bettina Rothenheber auf der einen, Zeichnung und klassische Malerei von Lars Gölz auf der
anderen Seite – „eine Spannung auf, die gut zusammenpasst“. Allein der „Fleischfresser“, mit dem bereits werbewirksam
vorab auf die Ausstellung aufmerksam gemacht wurde, „ist für viele allein schon der Grund gewesen, zur Vernissage zu
kommen“, bemerkte der Bergsträßer Verwaltungschef. Das kann nicht überraschen, kommt doch an dem an ein
Monster erinnerndes Wesen mit vor lauter Gier weit aufgerissenem Schlund und den scharfkantigen Eckzähnen, die Augen
und Nase aus dem Gesicht verbannen, keiner vorbei.
Gleiches Thema, unterschiedliche
Technik
Bettina Rothenheber stammt gebürtig
aus Lampertheim. Zur Fotografie ist die 37-
Jährige vor gut fünf Jahren über ihre
Tierliebe gekommen. Eichhörnchen hat sie
gezüchtet und ein Fachbuch über die
Nager geschrieben. Was als Hobby begann,
wurde schnell zur Leidenschaft und
musste spätestens mit den Vorbereitungen
für das Buch der Professionalität
weichen. Seitdem ist eine hoch
auflösende Spiegelreflexkamera das
technische Handwerkszeug von Bettina
Rothenheber. Der Impuls, sich gestalterisch
mit den seelischen Abgründen des
Menschen zu befassen, war das private
Interesse an der Psychologie. Ihre Ideen
setzt die junge Künstlerin mit Hilfe der
digitalen Bildbearbeitung in Fotomontagen
und – kollagen um. Für ein solches
Composing investiert sie bei ihren mit
„Lost Places“ betitelten Architektur-
bildern, beispielsweise ehemals bedeutende
Bauwerke in Leipzig, an die zwanzig, bei
Werken wie dem „Dämon“ oder
„Retribution“ bis zu hundert Stunden,
erzählte sie am Rande der Vernissage.
Info-Box/Kontakt: Die „Lost
Tales“-Ausstellung ist noch bis
einschließlich 25. Februar 2010
im Foyer des neuen
Landratsamts in Heppenheim
(Graben 15) zu sehen.
Öffnungszeiten: montags bis
mittwochs von 8 bis 15.30 Uhr,
donnerstags von 8 bis 18 Uhr
sowie freitags von 8 bis 11.30
Uhr. Informationen und
Einblicke in die künstlerische
Arbeit von Bettina Rothenheber
und Lars Gölz und zur
Ausstellung gibt es im Internet
unter www.losttales.de und
www.pixelartistin.de. E-Mail:
kontakt@losttales.de. Von den
Originalen können auch Poster
im Internet bestellt werden.
Ausstellung
Landratsamt Heppenheim
2010
Die Auseinandersetzung mit dem
eigenen, verborgenen Ich und der
Vergänglichkeit des Lebens fasziniert
auch Lars Gölz. Blut geleckt am Malen
– um im Bild der Ausstellung zu
bleiben - hat der gebürtige Bensheimer
frühzeitig: 1993 im Kunstleistungskurs
am Gymnasium. Während er anfangs
bekannte Persönlichkeiten aus dem
Kreis und der Region portraitierte –
unter anderem die damaligen
Bergsträßer Landräte Dr. Dietrich
Kaßmann und Norbert Hofmann -
beschäftigt sich Gölz, der 1996 in die
Kreisverwaltung eintrat und inzwischen
bei der Tourismusmarketing GmbH,
Kreis Bergstraße beschäftigt ist, seiner
künstlerischen Arbeit zuvorderst
„mit psychischen und physischen
Grenzen sowie den archaischen
Trieben und Ängsten der menschlichen
Natur“. ul
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Faszinierende Einblicke. Mit den Abgründen der menschlichen Seele
und dem verborgenen Ich beschäftigen sich die beiden Künstler
Bettina Rothenheber und Lars Gölz. Ihre Arbeiten, etwa zwanzig
großformatige Exponate, sind in einer beeindruckenden Ausstellung
im neuen Landratsamt in Heppenheim zu sehen. Die Vernissage
findet am 4. Februar statt. Das Künstlerpaar hat ihre Ausstellung
„Lost Tales“ betitelt, was ins Deutsche übersetzt so viel wie
„verschollene Erzählungen“ bedeutet.
Bild: Hess